Bertolt Brecht Gastprofessur der Stadt Leipzig

Zur Einbindung internationaler Expertise in die Forschung, Lehre und öffentliche Vermittlung aktueller theater- und kulturbezogener Fragestellungen wurde zum Wintersemester 2017/18 am Centre of Competence for Theatre die Bertolt Brecht Gastprofessur der Stadt Leipzig eingerichtet. Diese bringt den nachhaltigen Theorie-Praxis Transfer zwischen Wissenschaften und Künsten sowohl in die Lehre am Institut für Theaterwissenschaft als auch in den öffentlichen Diskurs der Stadt Leipzig ein. Die Gastprofessur wird halbjährlich an herausragende Praxisvertreterinnen und -vertreter der darstellenden Künste und ihrer medialen Reflektion vergeben, welche eine nachweisliche Bereicherung des wissenschaftlichen Diskurses und/oder der wechselseitigen Reflektion von Theorie und Praxis des Theaters in allen seinen Spielformen zu erbringen versprechen. 

 

Die Gastprofessur wird im Wintersemester 2018/19 von Frau Helena Waldmann besetzt, einer der bedeutendsten freien Tanzregisseurinnen des europäischen Gegenwartstheaters. Ihre Choreographien entstehen und touren weltweit.

Die Themen ihrer Arbeiten reichen von der erschreckend anarchischen Freiheit der Demenz (revolver besorgen, 2010) und vom lustvollen Spiel mit Abhängigkeiten (BurkaBondage, 2009) bis zum anarchischen Fest gegen die Arbeitsdiktatur der Leistungsgesellschaft (feierabend! – das gegengift, 2008). Waldmanns Stücke entstehen in Dhaka, Tokyo, Kabul, aber auch in Teheran, wo sie äußerlich eingeschränkte, aber umso souveränere Frauen in islamischen Staaten feiert (Letters from Tentland – dance under cover, 2005) und die Antworten auf die europäische Asylpolitik durch iranischen Exilantinnen inszeniert (return to sender – Letters from Tentland, 2006). Sie arbeitete in Ramallah mit Menschen, die tanzen müssen, um unter den Umständen der Blockade nicht verrückt zu werden (emotional rescue, 2006) und in Salvador de Bahia, wo sie für ihre von Fremdbestimmung gefangenen Wesen (Headhunters, 2003) den Theaterpreis der UNESCO erhielt.

Waldmanns Choreographien ziehen im Sinne Brechts Parallelen zwischen sozialen und künstlerischen Bedingungen von Produktion, (Selbst-)Ausbeutung und (unfreiwilliger) Zugehörigkeit zu sozialen oder nationalen Gruppen. Für ihre Inszenierung Made in Bangladesh (2014), welche die Lebenswelten von Näherinnen in Südasien in Analogie zum Tänzerprekariat in der westlichen Welt brachte, wurde sie für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2015 nominiert. Zuletzt untersuchte sie mit Tänzern, Akrobaten und 22 Mauerbauern das Ansehen des Passes in Hinblick auf die Bewegungsfreiheit, die er garantiert oder nimmt (Gute Pässe Schlechte Pässe, 2017).

Helena Waldmann ist selbst studierte Theaterwissenschaftlerin (Gießen) und wird mit den Erfahrungen ihrer dreißigjährigen internationalen Bühnenkarriere den Leipziger Studierenden transkulturelle und transdisziplinäre Perspektiven aufzeigen.

Ihren Produktionen gehen in der Regel umfangreiche Recherchen im Sinne künstlerischer Forschung voraus – auch in Leipzig wird sie eine solche Recherche gemeinsam mit den Studierenden durchführen. Unter dem Titel Anatomisches Theater werden die Themen reale und imaginäre körperliche Gewalt, Organhandel, Transplantation und die Macht der Medizin in einem szenischen Projekt bearbeitet.

 

Veranstaltungen zur Gastprofessur von Helena Waldmann

Öffentlicher Empfang zu Ehren der Bertolt Brecht Gastprofessorin der Stadt Leipzig Helena Waldmann

Freitag, 2. November 2018, 18 Uhr
Aula der Volkshochschule Leipzig | Löhrstraße 3-7 | 04105 Leipzig

Weitere Informationen

 

Screening und Gespräch zu Made in Bangladesh (2014)
REIHEN WEISE FREMD | STRANGE IN SERIES #2

Donnerstag, 22. November 2018, 19 Uhr
Institut für Theaterwissenschaft | Ritterstraße 16 | 04109 Leipzig

Weitere Informationen

 

Die Grenzen des Möglichen erweitern
Gespräch der Bertolt Brecht Gastprofessorin Helena Waldmann
mit Heike Faude (Festival Theater in Bewegung, Jena) und Patrick Primavesi (Institut für Theaterwissenschaft, Uni Leipzig)

Donnerstag, 29. November 2018, 19.30 Uhr
Ost-Passage Theater | Konradstraße 27 | 04315 Leipzig

Weitere Informationen

 

Bertolt Brecht Gastprofessur im Sommersemester 2018 — Motoi Miura

Im Sommersemester 2018 geht die Bertolt Brecht Gastprofessur der Stadt Leipzig – unter dem Vorbehalt seiner Ernennung durch die Rektorin der Universität Leipzig – an den japanischen Theaterregisseur Motoi Miura.
Motoi Miura ist einer der bedeutendsten Regisseure des japanischen Gegenwartstheaters mit internationaler Wirkung und Ausstrahlung. Er leitet seit 2001 die japanische Theatergruppe CHITEN („Ort“, „Platz“) in Kyoto und ist mit ihr in Gastspielen u.a. in Moskau, St. Petersburg, London, Frankreich und Deutschland hervorgetreten. Aufsehen erregte seine Inszenierung von Elfriede Jelineks „Kein Licht“ auf dem wichtigsten japanischen Theaterfestival, Festival/Tokyo, 2012. Motoi Miura und CHITEN haben einen eigenen Stil entwickelt, der die Grundzüge des japanischen Puppenspiels Bunraku und Brechts Theorem  der Trennung der Elemente äußerst gewinnbringend verbindet: Eine eigenständige, hochmusikalisierte Stimmführung und ein  ebenso eigenständiges Gestenrepertoire, jeweils differenziert und nuanciert den unterschiedlichen Stücken und Räumen der Inszenierung angepasst.

Miura und CHITEN beziehen sich implizit und explizit auf Brecht: Mit FATZER (2013) hatten sie zwei Gastspiele in Leipzig und bei den Fatzer-Tagen in Mülheim. Im Juni 2019 wird Motoi Miura mit CHITEN im Rahmen des 16. Symposium der International Brecht Society mit dem Titel „Brecht unter Fremden“ in Leipzig zu Gast sein und die Produktion Brechtseller zeigen. Im Rahmen der Bertolt Brecht Gastprofessur im Sommersemester 2018 wird Motoi Miura mit den Studierenden des Instituts für Theaterwissenschaft szenisch zu Die drei Schwestern von Anton Tschechow arbeiten.

 

Der öffentliche Empfang zu Ehren der Ernennung von Motoi Miura zum Bertolt Brecht Gastprofessor findet am Dienstag, 26. Juni 2018 im Alten Senatssaal der Universität Leipzig statt. Am Montag, 2. Juli 2018, wird eine Diskussionsveranstaltung mit Motoi Miura zum (japanischen) Gegenwartstheater im Ost-Passage-Theater stattfinden. Nähere Informationen zu den Veranstaltungen finden Sie in unserem Kalender.

Bertolt Brecht Gastprofessur im Wintersemester 2017/18 — Peter Konwitschny

Die Gastprofessur wurde im Wintersemester 2017/18 mit Herrn Peter Konwitschny erstmalig besetzt. Der international renommierte und vielfach ausgezeichnete Musiktheaterregisseur ist einer der wichtigsten und prominentesten Regisseure des internationalen Musiktheatergeschehens der letzten Jahrzehnte. Peter Konwitschny absolvierte ein Regiestudium an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin und assistierte von 1971 bis 1979 am Berliner Ensemble unter der Intendanz von Ruth Berghaus. Er inszeniert seit 1980 hauptsächlich Opern, aber auch Dramen und Stücke u.a. von Bertolt Brecht, Heiner Müller und Gerhart Hauptmann. Seit 1990 ist er in ganz Europa und darüber hinaus ein gefragter und kontrovers diskutierter Regisseur (u.a. in Graz, Basel, Moskau, Paris, Kopenhagen, Wien, Tokio, Barcelona, Amsterdam, Seoul). 2008–2011 war Konwitschny Chefregisseur der Oper Leipzig. Peter Konwitschny ist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, Mitglied u.a. der Akademie der Künste zu Berlin, der Freien Akademie der Künste zu Leipzig sowie Honorarprofessor an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin.

Empfang

Am Montag, 11. Dezember 2017, fand im Ratsplenarsaal des Neuen Rathauses ein gemeinsamer Empfang von Universität und Stadt Leipzig aus Anlass des Amtsantrittes von Prof. Peter Konwitschny statt. Bilder von dieser Veranstaltung finden sich demnächst hier.

Gesprächsrunde

Am Donnerstag, 11. Januar 2018, berichtete Peter Konwitschny in einer Gesprächsrunde mit der Dramaturgin Bettina Bartz und dem Theaterwissenschaftler Günther Heeg über seine Arbeiten der vergangenen Jahre. Die öffentliche Veranstaltung fand im großen Saal der Schaubühne Lindenfels statt.